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Mittwoch, 5. Oktober 2011

Kennt ihr Jenin?

Mir sagte das bis zum vergangenen Wochenende wenig, dafür habe ich es am Samstag umso intensiver kennengelernt.

Ich helfe gelegentlich bei den Dresdner Sinfonikern aus. Meistens beim Catering, aber am Samstag hatte ich auch einige Aufgaben beim Konzert. Die Dresdner Sinfoniker haben jedes Jahr im Oktober ein neues spannendes und ungewöhnliches Projekt. Ihre Hochhaussinfonie 2006 hatte ich leider verpasst, aber beim  Ferndirigat 2008 war ich dabei, und nun eben bei "Cinema Jenin".

Yin Yang mit (animiertem) Fassadenkletterer
Es war ein Abend, der es wirklich in sich hatte. Nicht nur, dass das diesjährige Festival "Tonlagen" damit eröffnet wurde. Nicht nur, dass der Veranstaltungsort, das Festspielhaus Hellerau, nach umfangreicher Sanierung erstmals wieder in der ursprünglichen Ansicht von vor 100 Jahren (mit dem Yin-Yang-Zeichen über dem Portal) komplett der Öffentlichkeit zugänglich war (und das gebührend mit Videokunst an der nagelneuen Fassade und mehreren Reden, Schnittchen und Sekt zelebriert wurde). Nein, es gab außerdem 2 erschütternde Filme und 2 Uraufführungen von Konzerten.

Ja, der Abend teilte sich in drei Teile: Den Film "Das Herz von Jenin", das Konzert "The Silent City" sowie die szenenweise Vorführung des Films "Cinema Jenin", begleitet von der gleichnamigen Sinfonie. Der Filmmacher Marcus Vetter war vor Ort.

Jenin ist eine Stadt im Westjordanland. Früher als Terrorhochburg bekannt, entwickelt sich jetzt dort so langsam leiser, gewaltloser Widerstand gegen die israelischen Besatzer. "Das Herz von Jenin" ist die Dokumentation über einen Palästinenser, dessen Sohn von Soldaten erschossen wurde. Der Vater entschloss sich, die Organe des Jungen zu spenden. Das ist aus religiösen Gründen, aber mehr noch aus politischer Sicht ungewöhnlich und mutig, denn mit den Organen konnten 5 israelische Kinder gerettet werden. 3 dieser Familien waren im Film zu erleben. Es gab Unmengen erschütternder Bilder und viele Szenen, die mich fragen ließen: "Warum?!" Wie tief doch die alten Paradigmen, der alte Hass noch verwurzelt sind. Wieviel Willkür dort vorherrscht. Aber auch einen Hoffnungsschimmer konnte man erkennen, vor allem dank des Mutes und der Großherzigkeit dieses Mannes und seiner Familie.



Der Film bei Amazon.

Die Hoffnung verstärkte sich im 2. Film weiter: Nun erlebte man, wie besagter Palästinenser, der inzwischen ein Zentrum für die Jugendlichen der Stadt führt, zusammen mit anderen Menschen aus Jenin und mit an die 300 internationalen Helfern das "Cinema Jenin" (so auch der Filmtitel) wieder aufbauen. Um den Menschen dort andere Perspektiven als immer nur Angst und Kampf zu geben.

"Cinema Jenin" wurde nur ausschnittsweise gezeigt, denn er hatte noch gar nicht offiziell Premiere. Begleitet wurden die Szenen von der gleichnamigen Sinfonie des iranischen Komponisten Kayhan Kalhor. Das Kino ist inzwischen fertig. Es verfügt über eine Solaranlage, eine DVD-Bibliothek, die Kinder können dort selbst Film- und Schauspielprojekte unternehmen. Nun gilt es, den Betrieb und den Aufbau weiterer Träume wie z. B. einer Filmschule, voranzubringen. Man kann das Projekt daher weiterhin mit Mitarbeit oder Geldspenden unterstützen. Mehr dazu z. B. unter http://www.betterplace.org/de/projects/450-cinema-jenin

Zwischen den beiden Filmen führte das Orchester "The Silent City" auf, ebenfalls von Kayhan Kalhor, der auch als Solist an der Kamancheh (eine iranische Stachelfidel) mitwirkte. Wunderschöne Musik. Am Ende dieser Aufführung leider zu leidenschaftlich für den Dirigenten Andrea Molino, der sich bei einem Sturz am Knie verletzte.

2012 werden die Sinfoniker den Film "Cinema Jenin" mit einer Tournee durch Israel und das Westjordanland live begleiten.

Wie gesagt, der Abend war sehr intensiv und wirkt noch immer in mir nach. Vermutlich gibt es auch bald eine akkustische Erinnerung an diese Stunden, denn die Musik zu "Cinema Jenin" hat das Orchester am Sonntag und Montag als CD aufgenommen.


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