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Dienstag, 28. Juni 2011

Internationaler ACA Wettbewerb in Leipzig (23./24.06.2011)

Wie versprochen hier nun meine Zusammenfassung vom Internationalen A Cappella Wettbewerb in Leipzig letzte Woche. Solange alles noch recht frisch ist. Ich habe mir eine Menge Notizen gemacht, wir werden sehen, was sich daraus noch rekonstruieren lässt. Konzerterlebnisse sind ja immer irgendwie auch recht flüchtig ...

Aus den knapp 20 Bewerbungen waren 10 Bands angenommen worden, 9 sind letztendlich an- und aufgetreten. Licht- und Nebeleffekte durften nicht verwendet werden. Die Auftritte fanden in normalem Saallicht statt.

Am Donnerstag starteten wir mit Ocvocetto aus Polen.
4 Frauen, 4 Männer. Sie sangen unverstärkt und sie starteten mit alter Musik in mehreren Sprachen und gingen später auch schon mal in ein jazzigeres Stück über. Ihr letzter Beitrag war eine Improvisationsnummer, die leider - durch die Wettbewerbssituation? - eher durcheinander geriet.

Nach einer kurzen Pause, in der die Jury, bestehend aus Simon Carrington (ehem. Kings Singers), Essi Wuorela (Rajaton), Martin Hoffmeister (MDR Figaro) und Martin Lattke (amarcord), ihre Notizen beenden konnte, betrat das Vokalensemble Viererlei aus Weimar die Bühne. Die vier Damen in langen Roben sangen mit klassisch ausgebildeten Stimmen ebenfalls klassische Stücke wie "Der Wassermann" (Robert Schumann), "Dat du min Leevsten büst" oder "Auf einem Baum ein Kuckuck saß". Sehr rein gesungen, es wirkte auf mich ungewöhnlich für ihr Alter und für das, was ich mir normalerweise anhöre, aber ich fand den Beitrag sehr schön und irgendwie auch sehr entspannend.

Jetzt folgte eine etwas längere Pause (20 Minuten), dann erlebten wir Dedooks aus Russland. Ich liebe die internationale Vielfalt der eingeladenen Bands. Wer weiß, wann und wo ich nochmal Bands aus Russland zu hören bekomme. Diese hier gab sich (Google sei Dank) größte Mühe, sogar auf Deutsch zu moderieren. Wieder 4 Frauen und 4 Männer, die in meinen Ohren allerdings oft ziemlich durcheinander klangen und sich nicht zusammenfügen wollten. Es gab russische Sachen, gefolgt von Seals "Kiss from a rose", bei dem der Solist Probleme mit den höchsten Tönen hatte, "Besame Mucho" und zum Abschluss ein Spiritual, der sich leider ebenfalls ziemlich schrill anhörte.

Foto: http://www.theglue.ch
Die NewMix Vocal Group aus Russland, die für danach angekündigt war, trat leider nicht an. Den Abschluss bildeten The Glue aus Basel. Diesen Namen hatte ich schon mal gehört, genauer gesagt wurde mir von ihnen bereits vorgeschwärmt. Und es wurde gesagt, dass sie etwas alberner drauf seien. Was ich ja gern mag. Sie betraten die Bühne in schwarzen Anzügen - und jeder mit einer Trinkflasche auf dem Rücken, die mit Schläuchen versehen war. Originell, nur leider kamen die Flaschen ansonsten nicht mehr zur Sprache, was sie etwas deplatziert wirken ließ. Der Auftritt war sehr routiniert, ihr Klang voll und satt und in allen Stücken irgendwie arabisch angehaucht ("Kin' de Lele", "Come what may", "Sandburgenbauen" - alles eigene Stücke.) Und erwähnte ich schon, dass ich schwizerdütsche Moderationen mag? Erstaunlich auch, dass sie mit der Latin-Nummer "El Topo" das doch überwiegend ältere Publikum zum sofortigen Aufspringen und Hüftenkreisen bewegt haben. Als Fazit hab ich mir notiert: "Quatschköppe mit Bühnenpräsenz und Wumms". Meine Favoriten des heutigen Tages, die ich gern mal in einem ganzen Konzert sehen möchte. (Ich hab mir einen Termin in Prag in den Kalender geschrieben.)

Den Nachmittag verbrachten wir noch in Leipzig, die Nacht aber brav Zuhause, und dann ging es am nächsten Morgen erneut nach Leipzig.

Als wir am Freitag in den Saal kamen, war schon eine Straßenbahnhaltestellenszene auf der Bühne aufgebaut. Die Band - KrisKrosKvintet aus Prag - traf bald darauf an der Haltestelle ein, der Bass mit der Rastamähne lauschte an der Schiene, ob die Bahn bald käme, und es wurde das erste Lied angestimmt. Eine sehr originelle Möglichkeit, die Pausen zwischen den Stücken, in denen ja nicht geklatscht werden soll, zu überbrücken. Die Stücke waren bunt gemischt: Zwei klassische, unverstärkte, denen "Chili con Carne" (etwas atemlos) folgte (inzwischen stand man in der Bahn; die Tonangaben zum Stück wurden als Haltestellensignal getarnt), "Walkin' my baby back home", arrangiert von Deke Sharon, und "Bohemian Rhapsody" sowie - endlich am Austragungsort angekommen, gerade noch Zeit für ein einziges Stück - einem serbischen Volkslied. Ich fand die Gruppe frisch, nett, witzig, originell, gar nicht schlecht, aber zur Perfektion noch ausbaufähig (aufgeregt?). Ihnen hätte ich die Förderung durch einen Publikums- oder Jurypreis am meisten gegönnt.

Foto: Pressefoto
Die nächsten Bewerber kannte ich schon aus Graz, allerdings hatte ich kaum noch Erinnerung an sie. Diesmal werden sie mir besser im Gedächtnis bleiben. Die Österreicher Lalá. Zwei Damen, zwei Herren - diesmal ein Tenor mit Rastahaaren. Eine der Damen schwanger, was auch gleich in das Begrüßungsstück - den "Lalájodler" - eingebaut wurde: "Hier ist das Baby." Übrigens zweisprachig - deutsch und englisch -, so auch die Moderationen. Der Gesang war umwerfend schön, ohne Mikros, durchweg ruhig, entspannt/-end, dadurch irgendwie noch eindringlicher. "Man in the mirror" - wunderschöne einzelne Stimmen, sparsame Begleitung. Die Stimmen in der Gruppe harmonieren in allen Kombinationen. Selbst das Bigband-Stück - "Sister Sadie" (Arr. The Idea of North) - ging ohne Text und ohne Mikros - und zwar sehr gut. Das Publikum klatschte lange und jubelte. Auf jeden Fall ein verdienter Preis, herzlichen Glückwunsch!

Es folgten So!...und nicht anders aus Mainz. Leider bestätigte sich meine schon vorher anhand der im Programm abgedruckten Liedtitel ("Teenieträume - Eine Boybandparodie") angestellte Vermutung, dass wir jetzt evtl. eins mit dem Holzhammer übergezogen kriegen könnten. Wogegen ich grundsätzlich nichts habe (siehe meine frühe Vorliebe für eine gewisse bekloppte Band aus Frankfurt). Es war halt Pop. Und ziemlich vorhersehbar. Das erste Lied "Sommer in meinem Kopf" (heiße Nacht, verführerische Frau, Mann weiß sich nicht zu helfen) - war irgendwie schon mal da. Wenn ich nicht an die Wise Guys erinnert wurde, dann an Bastas William. Klar, viele Bands fangen so an, das sind nun mal mit die bekanntesten Pop-ACA-Bands hier. Und immerhin haben sie durchweg eigene Lieder präsentiert, keine Coverversionen. Das ist ein großer Pluspunkt. Allerdings wirkten Moderationen und Liedtexte gelegentlich plump. ("... wenn ich gleich auf deiner Leiste sitz."), das Tempo wenig mitreißend, der RAP zu weichgespült und die höchsten Töne nicht getroffen. Vielleicht hatte es in der Wettbewerbssituation ohne Licht und Nebel und mit der gestrengen Jury das Popprogramm an sich schwer. Wahrscheinlich bin ich inzwischen auch zu verwöhnt. Für mich gab es nichts originelles, neues, überraschendes. Selbst Maybebops/Bastas "fring" wurde überstrapaziert.

Foto: http://www.facebook.com/audiofeels
Nach einer längeren Pause für Jury und Publikum kamen dann die letzten zwei Gruppen. Und die waren wieder ziemlich einmalige Erlebnisse: Audiofeels aus Polen sind eine Bigband ohne Instrumente. Sowas hatte ich schon mit Touché in Mainz erlebt. Hier bei Audiofeels geht es allerdings nicht in Richtung Jazz, sondern in den Rock-Bereich. In der ersten Moderation kündigten sie an, "was anderes, ggf. auch mehr als A Cappella" zu machen. Sie nennen es "Audioplay". Tatsächlich wurde es laut und voll. Gut, es sind auch 8 Männer. In der Stimmenbeschreibung steht schon mal nicht das übliche "Tenor, Bariton, Bass", sondern "Sounds der Violine, der E-Gitarre, Wha-wha und Cello, Trompete, Doublebass, Percussion, Spezialeffekte ..." Manchmal war es gut, dass sie zu ihren "Instrumenten" die jeweilige Handbewegung gemacht haben, damit man sah, aus welcher Richtung dieser Masse an Tönen nun die eine Stimme kam. Dann die Battles zwischen den Instrumentengruppen. Wirklich nicht die gängige Vorstellung von A Cappella-Musik. Klar, Gesang/Lyrics an sich sind hier meist eher Nebensache oder gehen in der dicken Begleitung unter, und manche Geige klang nicht ganz perfekt echt. E-Gitarre und Cello dafür umso mehr, und ich kann sie mir sehr gut auf einer Stehkonzertparty vorstellen. Was ungewöhnliches ist das auf jeden Fall. Dazwischen das eine oder andere wunderschöne Duett wie "Nothing else matters", von den "Gods of Metal performed by the amateurs of vocal" (so der Schlagzeuger, der sonst nicht viel spricht, außer "schlagzeugisch"). Ja, harte Klänge, was zum Schauen und Staunen. Und das professionelle Auftreten zieht sich bis auf ihre perfekt gemachte Homepage. Ich hatte sogar schon ihr Demo auf der Homepage gesehen (und sonst hör ich mir nie Musik vor einem Konzert an) und spannend gefunden.Wieder eine Freude dieses Wettbewerbes, dass ich diese Band mal erleben durfte. Auch ihnen herzliche Glückwunsche zum verdienten zweiten Platz!

Die Dänen Postyr bildeten dann den Abschluss, eine Band, deren Namen mich schon verfolgt hatte, und auf die ich daher auch nochmal ganz besonders gespannt war. Sie waren dadurch gehandicapt, dass eine Sängerin, Line, einen Unfall hatte und nicht auftreten konnte (sie ist auf dem Weg der Besserung). Zu viert + Loopmaschine + Computer standen sie nun da auf der Bühne ... und ließen mich ehrlich gesagt recht unberührt. Ich mag zu elektronische Klänge nicht, ich möchte die reine Stimme hören, nicht die allzu verzerrte. Und ich mag es nicht, wenn "neben mir" jemand an seinem Computer (Handy) rumspielt und sich nicht um die Umgebung kümmert. Dass sie Profis auf der Bühne sind und singen können, haben sie jedoch bewiesen, und am Ende, bei "Broken" (rein akkustisch), war ich dann doch noch berührt.

Ich habe wieder eine Menge mitgenommen und wunderbare Bands erlebt. Jetzt bin ich gespannt, wie Krichys Kritiken - zu lesen dann hier - ausfallen.

Originalton Internationaler A Cappella Wettbewerb Leipzig auf Facebook: "Nach zwei sehr vielseitigen und aufregenden Wettbewerbstagen, kam die Jury zu dem Ergebnis in diesem Jahr keinen ersten Preis zu vergeben. Dafür dürfen zwei Gruppen über den 2. Platz freuen: Audiofeels (Polen) und Lalá (Österreich). Die dänische Gruppe Postyr erhielt den 3. Preis. Zudem begeisterte Audiofeels die Zuhörerschaft und erhielt von dieser den Publikumpreis. Herzlichen Glückwünsch!"


So, und jetzt geht auf die Seite von Audiofeels - spielen :)


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